Mussorgsky Dis-Covered

Mussorgskys Lieder in Bearbeitungen von Tscho Theissing für Elisabeth Kulman und Jazz-Quartett

Eine genuin russische Kunstmusik wollte der eigenbrötlerische Komponist schaffen, die, unabhängig vom westlichen Akademismus seiner Zeit, allein auf der urwüchsigen Kraft von Sprache und Volkskunst seiner Heimat basieren sollte. Dabei ist besonders Mussorgskys Harmonik, aber auch seine Melodik und Rhythmik, „eng mit dem späteren Jazz verwandt und appelliert damit sofort an die improvisatorische Seele heutiger Musiker“, wie der Geiger und Komponist Tscho Theissing betont. Mit schlichter „Verjazzung“, mit Crossover simpler Strickart hat Mussorgsky Dis-Covered freilich nichts zu tun.

„Mein Ehrgeiz bei Konzept und Arrangements war“, so Theissing, „die Musik als Material zu verwenden und meine eigene Phantasie, meine Erfahrung als klassischer und als Jazz-Musiker gleichermaßen zu verwirklichen und eine Landschaft zu schaffen, in der beides miteinander verschmelzen kann: die Kraft von Mussorgskys Kompositionen und unsere improvisatorischen Ambitionen, und zwar so, dass die Stimme immer noch den Raum hat, um das zu machen, wofür Mussorgsky sie vorgesehen hat.“

Lange waren sie verkannt, die bahnbrechenden Werke des versoffenen Genies Modest Mussorgsky (1839–1881). Hier werden sie in aufregender Weise umkreist, erkundet und neu interpretiert.

Mit:
Elisabeth Kulman | Mezzosopran
Tscho Theissing | Violine, Konzept, Arrangements
Arkady Shilkloper | Horn
Antoni Donchev | Klavier
Georg Breinschmid | Kontrabass

Die Stimme – das ist der wandlungsfähige Mezzosopran von Elisabeth Kulman, der zum großen Teil die originalen Stimmen jener Mussorgsky-Lieder singt, die hier den Ausgangspunkt der spannenden musikalischen Erkundungen bilden – in Richtung Idyll ebenso wie in Richtung Dunkelheit. „Ich erlaube mir aber auch Freiheiten, die jeden ‚klassischen‘ Kontext sprengen würden“, stellt Kulman klar, „vor allem im Ausdruck. Außerdem hat Tscho mir Stücke geschrieben, in denen ich mich in den Klang der Instrumentalparts einbinde, etwa die Frage-Antwort-Spiele mit dem Alphorn in ‚Svetik Savishna‘ oder die träumerischen Vokalisen in ‚Il sogno della bambola‘. Das Ganze ist für mich als rein klassische Musikerin eine unglaubliche Bereicherung, ein wichtiges Ventil für mein künstlerisches Tun.“

Über mehrere Jahre ist das gemeinsame Projekt Mussorgsky Dis-Covered gereift und nimmt nun auf dieser CD eine eigene Gestalt an: die Energie brodelt weiter.

Text: Walter Weidringer